Prof.Dr.med. Elisabeth Gödde
Datteln
22.01.2007

"Viele Paare stolpern in so eine Situation hinein"

RECKLINGHAUSEN. "Früher gab es einen Ausdruck, der lautete 'das Kind weg machen'", erinnert sich die Humangenetikerin und Psychotherapeutin Elisabeth Gödde aus Datteln: "'Weg machen', das funktioniert aber nicht. Denn 'weg' ist ein Kind nie." -

"Vorgeburtliche Diagnostik" war jetzt das schwierige Thema der Evangelischen Akademie. Eng mit der Diagnostik verbunden ist das Thema Abtreibungen: Was, wenn sich bei der Untersuchung herausstellt, dass ein Kind nicht lebensfähig ist? Was, wenn es einen Gendefekt hat, eine schwere Erbkrankheit, wenn sich absehen lässt, dass es sein Leben lang schwer behindert sein wird?

"Viele Paare stolpern in so eine Situation hinein und machen sich erst anschließend Gedanken. Die Frage, ob man etwas unternehmen würde oder nicht, muss aber unbedingt vor der Beratung und vor der Diagnostik stehen", ist sich Dr. Robert Kralemann, Chefarzt am Evangelischen Krankenhaus Castrop-Rauxel, sicher: "Wenn ein Paar keine Konsequenzen aus dem Ergebnis ziehen will und es nur darum geht, Bescheid zu wissen, ist solch eine Untersuchung viel zu riskant."

Welche Entscheidung ein Paar treffe, bleibe ihm selbst überlassen, wichtig sei dabei nur, dass die Konsequenzen gut überlegt seien, meint die Autorin Christa A. Thiel, die sich viel mit dem Thema der pränatalen Diagnostik beschäftigt. "Die Gesellschaft erwartet heute geradezu, dass bei einer negativen Diagnose abgetrieben wird", kritisiert die Verfasserin des Buches "Check up in Woche 8", das sich ausführlich mit dem Für und Wider der Untersuchungen auseinandersetzt. "Das ist eine ganz fatale Entwicklung."

Eine Abtreibung sei für jede Frau ein schwerer Eingriff, so Medizinerin Gödde. Auch ein ungeborenes Kind habe sofort nach dem Bekanntwerden der Schwangerschaft schon seinen Platz im Umfeld der Familie - bei Bekannten, die sich auf den Nachwuchs freuen, bei Arbeitskollegen, die die Schwangerschaftsvertretung planen. "Alle diese Erwartungen nehmen Einfluss auf die Entscheidung, das Kind zu bekommen oder nicht", hat Gödde in ihrer Praxis erfahren.

Mit der vorgeburtlichen Diagnostik sollen die Bedingungen einer Schwangerschaft abgesichert werden, erklärt Kralemann. Vorgeschrieben seien drei Ultraschalluntersuchungen - "diese Verordnung ist inzwischen weit hinter dem medizinisch Sinnvollen zurück". Idealerweise führe man in der elften oder zwölften Woche ein so genanntes Nackenscreening durch, in der 20 bis 22 Woche zusätzlich noch ein "Missbildungsultraschall". "So könnten wir etwa zwei Drittel der Kinder erkennen, bei denen eine Schwangerschaft problematisch verläuft", ist sich Kralemann sicher. Eine hundertprozentige Vorsorge sei aber nie möglich, so der Mediziner. Immerhin erreiche man mit den Vorsorgeuntersuchungen über 99 Prozent aller Mütter.

Besonders schockierend, da sind sich die Dozenten einig, sei für die Eltern, wenn sich bei einer Routineuntersuchung herausstelle, dass das Kind nicht gesund sei.

Auch bei einem auffälligen Befund sei ein Schwangerschaftsabbruch jedoch nicht die einzige Möglichkeit, betont Elisabeth Gödde. Viele Familien entschlössen sich bewusst dazu, das Kind auf die Welt zu bringen. Andere erführen trotz Vorsorgeuntersuchungen erst bei der Geburt des Kindes von der Krankheit. Auch sie lernten, damit zu leben und teilten ihre Erfahrungen mit anderen betroffenen Eltern. Ein Beispiel ist die "Selbsthilfegruppe Down-Syndrom-Kontaktstelle e.V." in Datteln. Elisabeth Gödde steht in engem Kontrakt zur Gruppe. "Wenn Sie die Eltern treffen, werden Sie feststellen: Das sind alles ganz normale Familien."

22.01.2007 | Quelle: Medienhaus Bauer
 
Prof.Dr.med. Elisabeth Gödde
Fachärztin für Humangenetik, Psychotherapie
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