Prof.Dr.med. Elisabeth Gödde
Datteln

"Jeder ist für seinen Körper selbst verantwortlich"

27.01.2007

Psychotherapie kann sinnvolle Ergänzung zum Gespräch mit Freunden sein / Krebs ist eine prägende Erfahrung

Ibbenbüren. Psychoonkologie ist ein Fachbereich der Psychologie, der sich mit der Betreuung von Krebspatienten beschäftigt. Dazu gehört auch die Psychotherapie während einer Chemotherapie. Nadine Jansen sprach mit der Psychotherapeutin Prof. Elisabeth Gödde über die psychischen Reaktionen der Patienten auf die Diagnose und die mit der Krebserkrankung verbundenen Begleiterscheinungen.

Oft fallen den Patienten im Rahmen der Chemotherapie die Haare aus. Diese Nebenwirkung ist bekannt. Stellt sie trotzdem ein Schockerlebnis dar?

Gödde: Das ist sogar ein sehr großes Schockerlebnis. Gerade für Frauen, bei denen die Frisur mit zum Image gehört, ist das eine extreme Belastung. Man muss sich auch im Klaren darüber sein, dass nicht nur die Haare auf dem Kopf ausfallen, sondern am ganzen Körper.

Wie wichtig ist es für den Patienten, über seine Erkrankung zu sprechen?

Gödde:. Es ist in keiner Situation gut, wenn sich jemand ganz zurückzieht. Es müssen auch Entscheidungen gefällt werden, Absprachen etwa mit dem Arbeitsumfeld getroffen werden. Mittlerweile wird mit der Diagnose Krebs offener umgegangen. Das hängt auch damit zusammen, dass Prominente wie Kylie Minogue oder Rudi Carrell öffentlich über ihre Erkrankung geredet haben.

Kylie Minogue hat in einem Interview berichtet, wie schwer ihr der Kampf gegen die Krankheit teilweise gefallen ist.

Gödde: Die Einstellung, gegen Krebs zu kämpfen, erscheint mir persönlich ein wenig brutal. Es geht schließlich um meinen Körper, wenn eine Krebserkrankung vorliegt. Und wenn der krank ist, dann sind das Zellen, die in meinem eigenen Organismus irgendwie entstanden sind. Die sind nicht von außen hereingedrückt worden, damit ich gegen meinen Körper kämpfen muss.

Kann und darf man die Krankheit "Krebs" verdrängen?

Gödde: Jeder ist für sich und seinen Körper voll und ganz selbst verantwortlich. Ich kann das Verdrängen nicht nachvollziehen, aber das ist vom Einzelfall abhängig. Grundsätzlich liegt der Sinn des Lebens aber nicht darin, dass man möglichst lange lebt, sondern darin, dass man selbst etwas davon hat.

Wie bekommt man trotz der Krankheit eine positive Grundeinstellung zurück?

Gödde: Ob man ein eher positiv oder negativ denkender Mensch ist, ist eine Charakterstruktur. Die lässt sich nicht ablegen. Für alle ist es aber von Bedeutung herauszufinden, was ihnen im Leben wichtig ist, was ihnen Freude bereitet. Viele Patienten entscheiden sich dazu, in Ergänzung zu den etablierten Therapiemaßnahmen etwa mit dem Rauchen aufzuhören, auf die Ernährung zu achten oder sich einfach was zu gönnen. Das kann eine Trekkingtour durch China sein, aber auch ein Kurhotelaufenthalt im Schwarzwald. Man sollte das tun, was einem selber gut tut. Dazu gehört beispielsweise auch, den Freundeskreis auszusortieren und Kontakte zu Leuten, die einem nicht mehr liegen, einschlafen zu lassen.

Sind Freude denn nicht gerade jetzt besonders wichtig?

Gödde: Freunde sind immer wichtig; aber in Krisensituationen - und dazu gehören Krebserkrankungen - ist es vor allem wichtig, ehrliche Freunde zu haben, die zudem noch belastbar sind.

Ist eine Psychotherapie eine sinnvolle Ergänzung zum Gespräch mit Freunden?

Gödde: Der Unterschied einer Psychotherapie zur Freundschaft ist, dass die Psychotherapie keine Indiskretion kennt. In Freundschaften gibt es eine Indiskretionsgrenze, die nicht überschritten werden soll. Ein Psychologe hingegen fragt nach. Es ist auch seine Aufgabe, an wunden Punkten zu rühren und zu helfen. Außerdem kann der Betroffene dem Psychologen oder der Seelsorge mehrfach das sagen, was zu Hause vielleicht schon niemand mehr hören mag. Für viele Familien ist es wichtig, dass das normale Leben irgendwann wieder greift. Alles soll so bleiben wie es ist, aber das kann es eben nicht . . .

Hat auch eine geheilte Krebserkrankung langfristige psychische Auswirkungen?

Gödde: Eine Krebserkrankung ist eine Erfahrung, die prägt. Man weiß, dass man ernsthaft erkranken kann und dass man eine sehr gute Heilungschance hat, wenn man sich rechtzeitig darum kümmert. Es gibt Betroffene, die die Krankheit abhaken, aber auch solche, die nun besonders auf ihren Körper hören. Ein Beispiel sind Leute die nach einer Feier am nächsten Morgen Kopfweh haben. Jemand, der schon mal an Krebs erkrankt war, wird in so einem Fall viel eher an Hirnmetastasen denken als jemand, der diese Angst nicht kennt.

27.01.2007 | Quelle: Foto und Text "Ibbenbürener Volkzeitung"
 
Prof.Dr.med. Elisabeth Gödde
Fachärztin für Humangenetik, Psychotherapie
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